Fahrbericht: neuer BMW X6 & BMW X6 M50d

Protzig und provokant? Nur in Deutschland musste sich der BMW X6 diesen Vorwurf gefallen lassen – zumindest bei seinem Debüt 2008. Der Rest der Welt fand und findet den schrägen SUV großen Zuspruch. Dort freut man sich auch bereits auf den Nachfolger, der schlanker, sportlicher und sparsamer wird. Zum Händler rollt der neue X6 am 6. Dezember. Die Preise beginnen bei 65 850 Euro.

Von Michael Specht

Mut hatten BMWs Produktplaner zweifellos. Ein SUV-Coupé. Wer soll das kaufen? Viele, wie sich heraus stellte. Über 260 000 X6 haben die Bayern bislang weltweit abgesetzt, gut ein Drittel des X5-Volumens. Dieser Erfolg überraschte alle. Nicht nur die Konzernlenker in der Münchener Zentrale, sondern erst recht die Konkurrenz in Stuttgart und Ingolstadt. Dort ist man eifrig dabei, Ähnliches auf die Räder zu stellen. Doch das dauert noch. Und so lange werden der neue X6 und sein kleiner Bruder X4 den Markt beherrschen.

BMW X6 M50d-001Im Charakter ist sich der schräge SUV treu geblieben. Ebenso im Design und in der Technik. Wie gehabt wird der X6 keinen Vierzylinder unter der Haube tragen. Zum Einsatz kommen ausschließlich Sechs- und Achtzylinder. Und stets werden alle vier Räder angetrieben. Seine Positionierung geht in eine deutlich sportlichere Richtung als die des X5. Im optischen Auftritt bleibt er (fast) der alte. BMW nennt es im besten Marketing-Deutsch „extrovertierte Athletik“. Die meisten würden sagen: „Macho“. Bei genauerer Betrachtung sind die Unterschiede zum Vorgänger gut auszumachen. Wie beim X5 ziehen sich die Scheinwerfer jetzt bis in den Grill. Die hintere Flanke trägt einen Hüftschwung, das Dach fällt nach hinten nicht mehr so steil ab und das Heck ist optisch flacher. Insgesamt wirkt der neue X6 weniger wuchtig, bleibt mit über zwei Tonnen aber noch immer ein dicker Brocken.

Glücklicherweise ist ihm dies während der Fahrt nicht anzumerken. Im Gegenteil, seine Handlichkeit verblüfft. Zielgenau und präzise lässt sich der X6 um die Ecken scheuchen. Trotz der erhöhten Sitzposition kommt kein Schaukelgefühl auf. Stoisch bleibt der Wagen in der Waagerechten. Verantwortlich dafür ist ein Hightech-Fahrwerk mit allen Zutaten, was der Markt hergibt und was sich BMWs Entwickler ausgedacht haben. Dazu zählen unter anderem eine Luftfederung mit Niveauausgleich an der Hinterachse, adaptive Dämpfer und eine aktive Wankstabilisierung. Zur Serienausstattung gehört all dies allerdings nicht.

BMW bietet den X6 zunächst mit zwei Dieselmotoren und einem Benziner an. Der Einstieg beginnt erneut beim 30d. Er leistet mit 190 kW/258 PS jetzt 13 PS mehr als beim Vorgänger, soll aber mit nur sechs Litern Diesel 19 Prozent weniger verbrauchen. Diese Motorisierung dürfte sich zumindest in Europa erneut zur meist gekauften Version der Baureihe mausern. Darüber rangiert der 40d mit 230 kW/313 PS, den BMW für Anfang 2015 ankündigt. Ebenso den Dreiliter-Benziner 35i. Sofort verfügbar ist der 50i, dessen 331 kW/450 PS starker V8 sich zwar traumhaft fährt, bei uns aber aufgrund des höheren Verbrauchs nur einen kleinen Kreis von Liebhabern finden dürfte. Die Amerikaner und Chinesen dagegen lieben dieses Modell.

BMW X6 M50d-002Zur Testfahrt stand der Top-Diesel M50d bereit, der zur Familie der sogenannten „M Perfomance“-Modelle gehört und satte 280 kW/381 PS und maximal 740 Newtonmeter an die Achtgang-Automatik schickt. Der Dreiliter-Sechszylinder-Selbstzünder ist weltweit der Einzige, der mit drei Turboladern bestückt ist. Es bedarf wenig Fantasie, dass dieses Kraftpaket selbst mit einem Boliden wie dem X6 leichtes Spiel hat. Schon kleinste Bewegungen am Gaspedal werden augenblicklich in Vortrieb umgesetzt. Viel mehr an Souveränität lässt sich kaum aus einem Auto dieser Klasse herausholen. Sehr viel Zurückhaltung ist allerdings gefordert, möchte der Fahrer den Normverbrauch von 6,6 Liter erreichen. Ein zweistelliger Wert dürfte eher den Alltag dieses X6 widerspiegeln, der auch in der Anschaffung eine neue Marke setzt. Der M50d kostet mindestens 87 300 Euro. Zur Serienausstattung gehören dann unter anderem Leder-Alcantara-Sportsitze, M-Lederlenkrad, Aluminium-Dekor und ein Black-Panel Cockpit mit virtuellen Analoginstrumenten.

Bei aller sportlichen Ausprägung, die der X6 verkörpert und auch auf die Straße bringt, die Entwickler haben dennoch nicht die Funktionalität aus den Augen verloren. Es erstaunt, was alles hinter die automatisch öffnende Heckklappe passt. Die Rücksitzlehne kann jetzt im Verhältnis 40:20:40 geteilt umgelegt werden und schafft Platz für 580 Liter bis 1 525 Liter Gepäck. Da hat selbst so mancher Kombi das Nachsehen.

Bewertung:

Plus: Gute Platzverhältnisse auch auf der Rückbank, hoher Komfort, sportliches und sicheres Fahrverhalten, souveräne Leistungsentfaltung, perfekt schaltende Automatik

Minus: konzeptbedingte, eingeschränkte Sicht nach hinten

Michael Specht/mid

Technische Daten BMW X6 M50 d:

Fünfsitziges SUV-Coupé mit zwei Türen und Heckklappe, Länge/Breite/Höhe/Radstand in Metern: 4,91/1,99/1,70/2,93, Kofferraumvolumen: 580 – 1 525 l, Wendekreis: 12,80 m, Leergewicht: 2 185 kg, max. Zuladung: 715 kg, Tankinhalt: 85 l, Preis: ab 87 300 Euro.

Motor: 3,0-Liter-Sechszylinder-Turbo-Diesel mit 280 kW/381 PS bei 4 000/min, max. Drehmoment 740 Nm bei 2 000 bis 3 000/min, Achtgang-Automatikgetriebe, Allrad-Antrieb, 0-100 km/h: 5,2 Sek., Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h, Verbrauch: 6,6 l Super auf 100 km, CO2-Emission: 174 g/km, Abgasnorm: EU6.